In den Räumlichkeiten der lunarischen Gemeinschaft zu Paris, Winter 1865

„Haben sie es denn schon gelesen?“
„Ja, das habe ich.“
Cremond presste seinen Bauch gegen die schwere Tür des Salons und schob sie unsanft auf. Lobert trottete ihm nach, bereits die gebückte Haltung einnehmend, mit der er stets das Herz der Gesellschaft betrat. Für einen kurzen Moment wandelte sich das stille Schweigen des Salons in ein wartendes, bis Cremond mit einem gelangweilten „Meine Herren …“ die versammelten Mitglieder erlöste. Schon wandten sich alle wieder ihren Zeitungen zu.
„Und was sagen sie dazu? Ich meine, die Implikationen …“
Cremond antwortete nicht, sondern hob nur die Hand während er sich nach einem leeren Sessel in dem dunklen Raum umsah. Nach seinem zehnminütigen Spaziergang war ihm jeder Platz so recht wie der andere. Mit einem leise herausgepressten Stöhnen ließ er sich auf einem rotgepolsterten Fauteuil nieder, auf dem irgendjemand ein rundes Dutzend zerknitterter Tageszeitungen gelagert hatte. Mit kurzen Stössen schob Cremond mit seinem Gesäß den Zeitungsstapel auseinander bis sein Körper, umgeben von einem Kranz bedruckten Papiers, das Möbel ausfüllte. Lobert beobachtete die Szene stumm und fragte sich, wie Cremonds verschwitzter Leinenanzug auf die Druckerschwärze der Zeitungsseiten reagieren würde. Doch er sagt nichts und nahm auf einem kleinen Schemel neben dem großen Fauteuil Platz.
„Tee!“, rief Cremond einem der Diener des Salons zu und begann dann mit seinem Vortrag: „Mein lieber Lobert, ich habe das Buch gelesen und ich sage ihnen, Herr Verne, der hoch geschätzte Herr Jules Verne ist ein Schriftsteller, ein Phantast und Unterhalter und als solcher wird er von seinen Lesern auch geschätzt und verstanden. Kein Mensch wird wird glauben, dass man dieses Abenteuer tatsächlich so durchführen kann. Niemand wird das glauben. Niemand.“
„Aber es ist die Methode … Goubains Methode“, erwiderte Lobert, „jemand muss Verne davon erzählt haben. Eine Kanone, Cremond, eine Ka-no-ne.“
Lobert stieß die Silben mit aller Deutlichkeit hervor, wischte mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn und zog dann die abgewinkelten Beine noch näher zu sich heran. So wie er auf seinem kleinen Schemel zu dem ruhig schnaufenden Cremond hochblickte, fühlte er sich wie ein Kind, dass seinem Vater ein böses Vergehen beichten musste. Doch von diesem Eindruck würde er sich nicht bremsen lassen, war er es doch, der die Gesellschaft vor einem grossen Skandal zu retten versuchte.
„Lobert, beruhigen sie sich. Auf den ersten Blick sieht es ja tatsächlich so aus, als hätte Verne die Ideen Cremonds, nun wie sagt man, geborgt. Aber jedes Kind, dass schon einmal eine Kanone im Einsatz gesehen hat, kann sich erträumen, damit einen Mann auf den Mond zu schiessen. Aber hat es je schon jemand versucht?“
Cremond schüttelte zustimmend den Kopf.
Einer der Diener des Salons trat nun an den Tisch um den Tee zu servieren und Cremond und Lobert beobachteten stumm das kurze Zeremoniell. Das Personal des Salons galt als verschwiegen und vertrauenswürdig, aber wer mochte in diesen Zeiten schon riskieren als erster vom Gegenteil überrascht zu werden. Als die Tassen gefüllt und der Diener wieder verschwunden war, setzte Cremond fort: „Jeder, der auch nur ein wenig Verstand besitzt, weiß doch, dass es so gar nicht funktionieren kann. Unser Freund Goubain hat sich selbst davon überzeugen können, als ihm seine Kanone um die Ohren flog. Fragen sie Jules Verne, ob er denn in seinem Projektil Platz nehmen möchte. Es ist Phantasterei, sonst nichts.“
„Darum geht es mir nicht, Cremond. Durch das Buch von Verne werden Menschen auf unsere Absichten aufmerksam, die bis jetzt keinen Gedanken an derartige Dinge verschwendet haben. Mondreisen … Mondfänger … Wer außerhalb unserer Kreise hat bis jetzt von diesen Dingen gewusst? Als sie Fincetti in Florenz mit seinem Fangnetz von seinem Dach heruntergeholt haben, hat man ihn ausgelacht und ins Irrenhaus gebracht.“
„Ja. Und wir haben ihn dort wieder herausgeholt und jetzt steht er hier in Paris auf unseren Dächern. Hier lachen sie noch mehr, aber man lässt ihn in Ruhe weil sie ihn Dank unserer Hilfe für einen Verrückten halten“, warf Cremond ein.
„Doch jetzt sehe ich irgendeinen amerikanischen Millionär vor mir, die englische Ausgabe von Vernes Buch in seinen  Händen, wie überlegt, wieviel ihn so eine Kanone wohl kosten möge. Und mit welchem Gewinn er den Mond am Ende verkaufen könnte. Ich fürchte die Tage, an denen unsere Gemeinschaft von den Agenten diese Leute unterwandert ist, um uns unsere Geheimnisse zu entlocken.“
„Na, sie behaupten doch etwa nicht, Lobert, dass hier unter uns …?“, erwiderte Cremond und ließ seinen Blick kurz über die in ihre Lektüre vertieften Anwesenden schweifen.
„Nein, das tue ich nicht. Noch sind wir sicher. Aber sie kennen die Gerüchte aus Wien. Dort gibt es Elemente, die uns zu missbrauchen drohen. Und das könnte nur der Anfang sein.“
„Nun gut“, Cremond erhob sich langsam und schüttelte die an seinem Anzug klebenden Zeitungsseiten ab, „trinken sie ihren Tee aus. Und dann gehen wir zum Direktorium. Wenn sie uns vor der Welt retten wollen, will ich ihnen nicht im Weg stehen.“

 

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